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Wir Selbsterfinder / A la découverte de nous-mêmes

Allocution du conseiller fédéral Alain Berset à l’occasion de l’inauguration de l’extension du Musée national de Zurich le 29 juillet 2016

Photo Musée national, Zurich
Photo nationalmuseum.ch (licence CC)

Wenn ich meine Anreise vergleiche mit der Ankunft des Bundesrats zur Eröffnung des Landesmuseum 1898 – dann werde ich schon etwas nostalgisch… Ich zitiere aus einer zeitgenössischen Schilderung:

«Der Extrazug des Bundesrates fuhr reichgeschmückt in die Halle ein. Kanonenschüsse erdröhnten vom Polytechnikum herüber. Von brausendem Freudenzuruf empfangen, bestiegen die Mitglieder des Bundesrates die bereitstehenden Fuhrwerke.»

Und weiter schildert der Chronist das – dreitägige! – Festprogramm. Am ersten Tag: Aufführung im Stadttheater, Fackelzug der Studierenden beider Hochschulen zu Ehren des Bundesrats, Festzug zum Bankett in der Tonhalle. Am nächsten Tag Rundfahrt auf dem See, Abendfest in der Tonhalle mit Villen- und Uferbeleuchtung. Und schliesslich noch ein Waldfest für die Ehrengäste im Dolderpark…

Ich stelle fest: wer zu spät in den Bundesrat kommt, den bestraft der Lebensstil.

Mehr als ein Anbau – eine Brücke in die Zukunft

Wir feiern die Erweiterung des Landesmuseums am Vorabend des 1. Augusts. Wir feiern damit unsere Vergangenheit und zugleich unsere Zukunft. Auf beides verweist auch der Anbau von Christ & Gantenbein. Ein Anbau? Mehr als das: nämlich eine Weiterentwicklung, die eine Brücke schlägt – vom historistischen Altbau, dem Märchenschloss von Gull aus dem Jahr 1898, in die Gegenwart. Alt- und Neubau bilden ein Ensemble – sowohl architektonisch als auch stadträumlich. Kurz: das Landesmuseum hat sich mit diesem Anbau partiell selber neu erfunden.

Und dass die erste Ausstellung sich «Europa in der Renaissance» widmet, passt perfekt. Denn die Renaissance war ja weit mehr als die Wiederentdeckung des antiken Erbes – sie war ein kreativer Aus- und Aufbruch, von der Wissenschaft bis zur Kunst. Der Blick zurück war gleichzeitig ein Blick nach vorne.

Der Anbau steht für jene Zukunftsdimension, die auch die Schweiz braucht. Eine selbstbewusste, aber respektvolle Erweiterung unseres

Selbstverständnisses täte uns jedenfalls gut. Gerade heute! Denn der Zeitgeist ist auch hierzulande eher geprägt von Rückbesinnung, Zukunftsangst und Besitzstandwahrung. Und das in einer Zeit, in der digitale Revolution alle Grenzen zu sprengen scheint und sich ungeahnte Möglichkeiten offenbaren.

Hoch polarisiert und tief gespalten

Wir erleben momentan in vielen Gesellschaften ein ähnliches Phänomen: sie sind hoch polarisiert und tief gespalten – von unseren Nachbarländern Österreich und Frankreich bis hin zu den USA. Die Gründe reichen von der Wirtschaftskrise über die Migrationspolitik bis hin zur grassierenden Terrorangst.

Wer im Brexit nur ein Votum über die EU sieht, verkennt die Realität. Es ging dabei vor allem um die Globalisierung und ihre Konsequenzen: die wachsende Ungleichheit und ein Gefühl des Heimatverlustes bei vielen Menschen, vor allem bei den weniger Privilegierten.

Die Schweiz ist kein gespaltenes Land

Unser Land steht vor ähnlichen Herausforderungen: auch in unserem Land verunsichern Einwanderung, Globalisierung und Europäisierung viele Menschen. Auch hierzulande wird der Verlust von Heimatgefühl und Selbstbestimmung beklagt. Auch bei uns wird der Arbeitsmarkt härter und volatiler. Auch wir müssen die Sozialwerke dem demographischen Wandel anpassen – und zwar auf eine ausgewogene und faire Art und Weise, wie das der Bundesrat mit der Rentenreform anstrebt.

Trotz all dem: wir sind kein gespaltenes Land. Natürlich läuft auch in der Schweiz die Konfliktlinie viel stärker zwischen Öffnung und Abgrenzung als noch vor wenigen Jahren. Aber wir haben einen entscheidenden Vorteil: unsere Identität steckt in unseren Institutionen und in unseren politischen Prozessen.

Wir haben keine Hauptstadt, die alles über einen Kamm schert. Wir haben weder eine gemeinsame Sprache noch eine gemeinsame Religion.

Notre plurilinguisme est essentiel

Notre diversité fait que ce n’est pas toujours la même majorité qui prend le pas sur la même minorité. Dans chaque dossier, il y a une autre majorité et une autre minorité.

La Suisse est un pays qui s’engage activement pour trouver des compromis. Dans chaque dossier, elle demande à tous les acteurs de faire un pas vers les autres, ce qui peut parfois générer des insatisfactions. Mais le consensus est à ce prix.

La Suisse de la diversité se réinvente sans cesse. Grâce à sa culture du débat – débats souvent nourris – qu’elle doit continuer à cultiver.

Le seul danger pour notre pays serait un désintérêt pour la politique et un repli sur la sphère privée. Et cela, en étant conscient que la sphère privée n’a jamais été aussi publique – réseaux sociaux obligent. 

Un débat n’est possible que lorsque l’on se comprend vraiment. Linguistiquement, bien sûr, mais aussi culturellement.  

Il faut savoir dépasser les clichés. Même si la Suisse a une longue tradition en la matière. Tout le monde sait bien que la Suisse, ce sont de l’or, des montres et du chocolat!

Le souci avec les clichés, c’est qu’il y a toujours un peu de vrai, mais aussi beaucoup de faux. Et comme pour les montres, c’est là que commencent les complications.

Identität stabil, solange wir in Bewegung bleiben

In unserem mehrsprachigen Land ist die Frage, ob man sich gegenseitig wirklich – und nicht nur oberflächlich – versteht, von eminenter staatspolitischer Bedeutung. Entsprechend ernsthaft muss die Sprachdebatte geführt werden. Wohlgemerkt: der Bundesrat wird sich ganz gewiss nicht in pädagogische, didaktische oder organisatorische Belange einmischen. Er wird allenfalls intervenieren – und auch das nur subsidiär – um die Harmonisierung der obligatorischen Schule zu gewährleisten. Um damit den Verfassungsauftrag umzusetzen und so die Lösung zu retten, auf die sich die Kantone selber geeinigt haben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Eine gespaltene Gesellschaft lässt sich nur verhindern, wenn wir uns aktiv für unsere gemeinsame nationale Identität engagieren. Wie fragte doch der Schriftsteller Carl Spitteler in seiner berühmten Rede von 1914 über die Entfremdung von Deutschschweiz und Romandie rhetorisch: «Ja, was ist denn eigentlich vorgefallen? Nichts ist vorgefallen. Man hat sich einfach gehen lassen.»

Genau das ist der Punkt: Es muss nichts geschehen, damit etwas mit uns geschieht.

Unsere Identität bleibt nur stabil, solange wir in Bewegung bleiben, uns für sie auch engagieren. Unsere politische Kultur – in der fast alles verhandelbar ist und die paradoxerweise zu grosser Stabilität führt – hat eine unverhandelbare Voraussetzung: nämlich, dass wir uns  gegenseitig ernst nehmen. Dass wir mit den anderen auf Augenhöhe kommunizieren – ohne Arroganz und ohne Anbiederung. Dass wir immer wieder versuchen, uns ins Gegenüber einzufühlen, in dessen Welt- und Schweiz-Sicht.

Zudem darf nicht vergessen werden, dass das Beherrschen der Landessprachen die Mobilität für Familien erleichtert und auch wirtschaftliche Vorteile bietet: Studien zeigen, dass in unseren KMU eine zweite Landessprache sogar wichtiger ist als die globale Geschäftssprache Englisch; und von den rund 500 Millionen Bewohnern der EU sprechen rund 220 Millionen eine unserer Landessprachen.

Gewiss: Das Erlernen einer Landessprache ist mit Arbeit verbunden. Französisch zu lernen sei halt einfach nicht so sexy, hat mir kürzlich ein Deutschschweizer gestanden. Dasselbe würden wohl auch viele französischsprachige Bürgerinnen und Bürger über die deutsche Sprache sagen.

Viele Romands empfinden das Deutsche etwa so wie Mark Twain, der einst klagte:  «Manche deutschen Wörter sind so lang, dass sie perspektivisch wirken. Es sind keine Wörter, es sind alphabetische Prozessionen.»

Diese Prozessionen erlebe ich in meinem Alltag als Bundesrat täglich: von der Aktenverwaltungsbeschwerde bis zu den  Zirkularverfahrensrichtlinien. Ich bin schon dankbar, wenn ich es für einmal nur mit der Präimplantationsdiagnostik und dem lturgütertransfergesetz zu tun habe – und nicht mit der Kulturbotschaftsvernehmlassungseröffnungsvorlage…

Im Ernst: wenn wir uns nicht mehr verstehen, dann steht unsere Identität und damit unsere Kohäsion auf dem Spiel. Je schwächer unsere gemeinsame Kultur, desto abwehrender reagieren wir auf schnellen Wandel und Einflüsse von aussen. Das wäre auch im Hinblick auf unser Verhältnis zu Europa problematisch. Denn hier sind Pragmatismus und Weitblick gefragt. Die enge wirtschaftliche Verflechtung mit unseren Nachbarn war schon lange vor der EU eine Bedingung für unseren Wohlstand. Sie ist es heute – und sie bleibt es auch in Zukunft. Dasselbe lässt sich auch über unsere kulturelle Verflochtenheit mit unserem Nachbarn sagen.

Unsichere Identität als Startvorteil im 21. Jahrhundert

Unsere vielleicht grösste Stärke ist – paradoxerweise – unsere unsichere Identität. Denn sie macht uns zu Selbsterfinderinnen und Selbsterfindern.  Und das verschafft uns einen grossen Startvorteil in einem Europa, in dem sich sämtliche Länder für das 21. Jahrhundert neu erfinden müssen. Sei es aus politischen Gründen, wie die Briten und die EU nach dem Brexit. Sei es aus wirtschaftlichen Gründen – nach der Banken- und Schuldenkrise. Oder aus demographischen Gründen – denn eine alternde Gesellschaft muss fundamental über sich nachdenken, um innovationsstark und damit wettbewerbsfähig zu bleiben.

Wir müssen wieder mit mehr Engagement über unsere möglichen Zukünfte debattieren. Im 21. Jahrhundert – in einer multipolaren, volatilen Welt-Unordnung – gilt dies noch mehr als im 20. Jahrhundert: wir brauchen, gerade als eher kleinerer Staat, intelligente Strategien. Wir müssen – wie es ja auch unsere erfolgreiche Wirtschaft tut – in Szenarien und Optionen denken; dies natürlich, ohne dabei unsere Identität und unsere Institutionen zu gefährden. Kurz: nicht nur unsere dynamische Identität, sondern auch das Denken in Szenarien stärkt unsere Position in einer Welt im raschen Wandel.

In unser Fundament investieren

Wer sich lediglich zum Patriotismus bekennt, hat noch nichts für den  Zusammenhalt der Schweiz getan, auf dem der Erfolg unseres Landes wesentlich beruht. Wer allein auf Abgrenzung beharrt, der muss sich bewusst sein, dass dies auch innenpolitisch zu einer Verhärtung führen kann, zu einer konfliktträchtigeren und weniger freiheitlichen Schweiz; und ob ein wirtschaftlicher Alleingang unseres Landes die Schwachen stärken würde, darf zumindest bezweifelt werden.

Die Grundlagen unserer Gesellschaft – Gerechtigkeit, Fairness, Solidarität, Ausgleich – sie sind nicht einfach da. Diese Fundamente der Schweiz sind nur dann stabil, wenn wir in sie investieren. Gewiss: die Schweiz ist ein weltoffenes Land. Aber diese Weltoffenheit hat Voraussetzungen: nämlich soziale Sicherheit und intakte Lebenschancen für alle. Darum müssen wir den gesellschaftlichen Vertrag so ausgestalten, dass auch die Schwächeren von den Vorzügen der internationalen wirtschaftlichen Verflechtung profitieren.

Die Schweiz darf nicht zu einer 50:50-Gesellschaft werden. Also zu einer Gesellschaft, in der das gegenseitige Misstrauen jede vernünftige Debatte verunmöglicht und jeden Kompromiss schon im Ansatz erstickt.

Spätestens mit dem Brexit ist klar geworden: zwischen Kapitalismus und Demokratie besteht im Zeitalter der Globalisierung eine starke Spannung. Als globalisiertestes und gleichzeitig demokratischstes Land haben wir jedoch gute Chancen, diese Spannungen zu überwinden.

Denn wir wissen: unsere kulturelle Vielfalt, die direkte Demokratie und der Föderalismus funktionieren nur, solange der soziale und regionale Ausgleich gewährleistet bleibt.

Das ist der Kern unseres Erfolges: Wir nehmen alle mit.

Es kann nicht zwei Schweizen geben.

Es gibt nur eine Schweiz.

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